Kahl nach Corona

Ein Kommentar von Prof. Dr. Thomas Jäger

Thomas Jäger

Nach Corona wird vieles anders sein als zuvor. Wie jede andere tiefgreifende Krise beschleunigt Corona eine ganze Reihe von Entwicklungen. Und bricht andere ab. Unser Leben, Wohnen und Arbeiten, unser Mit- und Zueinander, wie wir uns bewegen und das Verhältnis zur Umwelt werden in den nächsten Jahren andere Facetten aufweisen als noch vor einem halben Jahr. Und manches wird sich ganz drastisch geändert haben.

Kein Unternehmen geht heute davon aus, dass es zukünftig erfolgreich sein kann, wenn es sich nicht auf die neuen Umstände einstellt. Die meisten von uns kennen das aus eigener Anschauung am Arbeitsplatz. Fieberhaft wird derzeit überlegt und ausprobiert, welche Konsequenzen aus den vielfältigen Veränderungen zu ziehen sind. Neue Produktions- und Lieferketten, veränderte Produktanforderungen, die Organisation von Heimbüro für sehr viele Menschen und neue Anforderungen an die betriebliche Kommunikation prägen das Arbeitsleben. Intensivere  Kinderbetreuung, Schulbegleitung und der Umgang mit den Älteren stellen unser Leben parallel vor neue Herausforderungen.

An einem Ort kommt das alles zusammen, verschränken sich Lebens- und Arbeitsweisen. In den Städten und Gemeinden, die in den nächsten Jahren vor großen Umwälzungen stehen. Wer versteht, was da auf uns zukommt – für sein eigenes Leben und das gemeinschaftliche Miteinander – ist besser auf diese Entwicklungen vorbereitet. Kommunen, die daraus die richtigen Schlüsse ziehen, werden zukünftig im Vorteil sein. Diejenigen, die es unterlassen, fallen hinten herunter.

Was heißt das für Kahl? Die Unentschlossenheit, die in den letzten Jahren, die Entwicklung unserer Gemeinde bestimmt hat, muss dringend beendet werden. Benötigt wird ein Plan für die Zukunft. Ein Leitbild. Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie wollen wir wohnen und arbeiten vor Ort miteinander verbinden? Wo finden wir den entspannenden Ausgleich für alle intensiven Aufgaben?

Wir brauchen ein Leitbild für ein Neues Kahl in dieser Neuen Normalität. Einen Entwurf, wie wir hier in den nächsten Jahrzehnten leben wollen. Eine Konzeption, wie die Veränderungen in Leben, Wohnen und Arbeiten aufgegriffen und beantwortet werden. Eine Strategie, wie dies alles umzusetzen ist.

Für die Gestaltung unseres zukünftigen Lebens werden Nachhaltigkeit, Nähe und Digitalisierung handlungsbestimmend sein. Das hat direkte Auswirkungen auf die Wohnsituation, die örtliche Nahversorgung, die Infrastruktur und Mobilität.

  • Arbeiten: Auch nach der Corona-Epidemie werden viel mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten. Die digitalen Voraussetzungen dafür müssen geschaffen werden. Denn diese Menschen werden den Arbeitsalltag nicht weiter derart sozial isoliert bewältigen wie in den letzten Wochen. Es müssen öffentliche Räume für Austausch und Kommunikation mit entsprechender Netzanbindung bereitgestellt werden. Schon jetzt sind die gesundheitlichen Folgen des Heimbüros zu erahnen. Wir brauchen Angebote dafür, bei Bewältigung aller anstehenden Aufgaben unsere Gesundheit erhalten zu können. Nichts davon ist derzeit in Kahl zu finden.
  • Wohnen: Die Immobilienlage wird auch nach der Corona-Epidemie angespannt bleiben. Viele Menschen, insbesondere Familien, werden ihre Wohnsituation überdenken. Die Gemeinde muss auf diese veränderte Lage reagieren und Initiativen ergreifen. Es muss neuer Wohnraum für Familien geschaffen werden, die aus der Großstadt ins Umland ziehen wollen. Kahl muss zu dem Ort im Frankfurter Einzugsbereich werden, in dem man am liebsten wohnen will. Dazu muss über die Flächennutzung neu nachgedacht werden. Aus überflüssigen Straßen kann naturnaher Wohnraum werden. Und es müssen die vielen Leerstände angegangen werden. Jetzt ist der Moment zu agieren. Nichts davon ist in Kahl derzeit zu beobachten.
  • Leben: Klimawandel und verändertes Verbraucherverhalten werden in den nächsten Jahren auch die Nahversorgung vor neue Aufgaben stellen. Kahl muss endlich die Ansiedlung von Einzelhandel aktiv angehen. Um ökologisch nachhaltige Wege zu ermöglichen, kurz und per Rad und zu Fuß. Niemand will für einen Alltagsartikel, die es hier nicht zu kaufen gibt, weit anfahren. Die B8 muss entschleunigt werden und den Ort wieder verbinden. Sie durchschneidet derzeit sichtbar und gefährlich die möglichen Lebensräume, das Verweilen und Schlendern.
  • Umwelt: Man braucht nicht weit reisen. Wer aus Alzenau, Hanau oder Aschaffenburg nach Kahl kommt, spürt wie er aus den Oasen in die Wüste tritt. Kahl ist grau. Die öffentliche Bepflanzung wurde jahrelang vernachlässigt. Das darf so nicht bleiben: Kahl muss grün werden. Dazu braucht es Bäume, Sträucher und einen kreativen grünen Daumen. Nicht nur, dass die Luft dadurch besser wird, die öffentlichen Räume werden dadurch erst als Einheit von Umwelt und Gemeinde erfahrbar.
  • Naherholung: Dass für viele Menschen in diesem Jahr der Urlaub ausfällt, lässt sie deutlich spüren, wie wichtig diese Tage des Tapetenwechsels sind. Mal etwas anderes sehen. Andere Erfahrungen machen. Schade ist nur, dass viele es anderswo schöner finden als zu Hause. Aber das lässt sich ja ändern. Wenn wir mehr und häufig kürzer Erholung in der näheren Umgebung suchen, dann müssen wir diese schöner gestalten. Kahl muss schöner werden, um den Naherholungswert zu haben, den wir brauchen.
  • Region: Das Leitbild für die Entwicklung Kahls kann sinnvollerweise nur lauten: der schönste Ort im Frankfurter Raum zu werden. Das Rhein-Main-Gebiet ist die Region für zukünftiges wirtschaftliches Wachstum. Für innovative Unternehmen. Für kreative Start-ups. Und für bodenständiges Miteinander. Hier kann Kahl seinen Platz finden. Aber nur, wenn man dies auch will und tut.

Der Höhepunkt der Corona-Krise traf zeitlich mit den Gemeindesratswahlen zusammen. Noch ist leider nicht zu sehen, dass sich der neue Gemeinderat mit den neuen Herausforderungen beschäftigt. Im Gegenteil. Die alten Verbindungen verteidigen ihre früher gefassten Beschlüsse wider jede bessere Einsicht. Und der Mut und die Kreativität zu neuen Fragen und Antworten haben sich noch nicht überall gezeigt.

In der Neuen Normalität nach Corona wird das Neue Kahl seinen Platz finden. Ob auf der Sonnenseite oder im Schatten wird in den nächsten Monaten entschieden. Je früher es gelingt, die richtigen Weichen zu stellen, desto erfolgreicher kann das neue Leitbild umgesetzt werden. Denn der letzte Entwicklungsplan, der nie mehr als eine Aufhäufung konzeptloser Splitter war, ist nach Corona nur noch Makulatur. An ihm festzuhalten ist bedeutungsgleich mit einem Betrieb, der sich gegen die Digitalisierung wehrt. Beide sind zum Scheitern verurteilt.

Der letzte Gemeinderat hat die Aufgabe, Kahl positiv weiterzubringen, sichtbar verfehlt. Der neue Gemeinderat muss jetzt beweisen, dass er die intellektuelle Kraft und den politischen Mut aufbringt, aus den derzeitigen Veränderungen die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Thomas Jäger, Aktiv für Kahl – Die Aktiven